Gedanken zu Star Trek: Picard 1×01 „Remembrance“

Vor knapp drei Jahren habe ich über einen Schauspieler geschrieben, den ich auch als Privatperson sehr verehre: Patrick Stewart, bekannt geworden als Darsteller eines Charakters, den ich vielleicht als meine liebste fiktionale Figur überhaupt bezeichnen würde. Captain Jean-Luc Picard hat mich seit der Erstausstrahlung von „Star Trek: The Next Generation“ damals im ZDF begleitet und meine Moralvorstellungen mitgeprägt. In o.g. Text schrieb ich, dass ich wahrscheinlich weinen würde, sollte Stewart jemals wieder zu seiner Paraderolle zurückkehren. Nun, meine Augen blieben trocken, aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als er 2018 eben dies verkündete und vom Publikum frenetisch gefeiert wurde. Es war etwas, was die Star Trek Lizenz dringender zu benötigen schien als jemals zuvor. Die Abrams-Trek Filme sind für sich genommen solide und unterhaltsame Sci-Fi Spektakel, hatten mit der Idee von Star Trek aber nichts zu tun und wurden zudem von gigantischen Logiklöchern geplagt. „Star Trek: Discovery“ (kurz „STD“ – da hat jemand mitgedacht) trieb die Sache dann auf die Spitze und wirkt mehr wie eine Actionparodie auf das von den Fans geliebte Universum. Ironischer fing Seth McFarlanes „The Orville“ von Beginn den Geist von Star Trek besser ein, als alles was seit Jahren unter diesem Namen veröffentlicht wurde. Doch mit der Rückkehr Picards würde es besser werden, oder?

 

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Selbstverständlich hatte auch ich nach Stewarts Ankündigung diese Hoffnung. Doch dann merkte ich, dass ich „Star Trek: Picard“ damit vor eine unlösbare Aufgabe stelle. Wie sollte man der Serie, die mich und viele andere auch entscheidend in ihrer Entwicklung geprägt hatte, eine qualitativ und erzählerisch gleichwertige Fortsetzung folgen lassen? Die Antwort lag eigentlich auf der Hand: Gar nicht! Und so bemühte ich mich, meine Erwartungen niedrig zu halten. Mein größter Wunsch wurde es, mich über Auftritte alter Gesichter zu freuen, aber auch mehr über die neuen Figuren erfahren zu wollen. Denn nur so würde die Serie irgendwann auf eigenen Füßen stehen können und aus dem Schatten von TNG heraustreten. Hätte Picard einfach nur seine alte Crew zusammengetrommelt, hätte das sehr schnell sehr peinlich werden können. Wie uns der erste Trailer verriet, wird dies nicht geschehen. Das Internet ist seitdem natürlich richtig in Fahrt gekommen. Stewart sei zu alt, hieß es. Der weltoffene alte Mann habe seine SJW Denkweise in der Show durchdrücken wollen. Und warum hängt der überhaupt auf der Erde rum und fliegt nicht durchs All? Ihr wollt mehr? Dann spielt doch eine Runde „Picard Hater Bingo“! Und damit sei dieses lange Vorwort auch endlich vorüber.

picardbingo

 

Spoilerfrei!

Es ist getan. Vor wenigen Sekunden endete Folge 1×01 von „Star Trek: Picard“. Der Abspann läuft und ich spüre etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Ich bin … zufrieden. Nicht ekstatisch, nicht enttäuscht, sondern einfach nur zufrieden. „Remembrance“ geht einen guten Mittelweg und schafft es, den alten Kanon in ein modernes Setting zu verfrachten. Von den Kamerafahrten, Sets und der wirklich wunderschönen Farbgebung her ist „Star Trek: Picard“ unverkennbar ein Produkt der Jahre 2019/2020. Aber es fühlt sich dennoch so an, als kehrten wir in eine vertraute Welt zurück. Eine Welt, die wir seit „Nemesis“ nicht mehr gesehen haben. Die Welt der Sternenflotte und die Welt von Jean-Luc Picard! Auch hier sind zwanzig Jahre vergangen und das Universum ist ein anderes geworden. „Picard“ wird eine durchgehende Narrative verfolgen und gönnt sich die Zeit für einen langsamen Aufbau. Ich mag mich irren, aber von „Remembrance“ ausgehend würde ich sagen, dass endlich der pazifistische Grundgedanke von Star Trek zurückgekehrt ist und sei es zunächst auch nur vorrangig in der Gestalt von Picard selbst. Wie die Serie im Endeffekt wirken wird, wird mit seiner Darstellung stehen und fallen. Denn das ist es, woran ich mich zunächst gewöhnen musste. Mit Ausnahme weniger TNG-Folgen wie „Family“ oder „Tapestry“ haben wir von dem Privatmann Picard nie viel erfahren. Nun bekommen wir diesen nonstop zu sehen und der alte Captain blitzt nur gelegentlich auf. Alles in allem hat „Remembrance“ das geschafft, was erste Folgen schaffen sollten: Lust auf mehr wecken. Nur für den nichtssagenden Soundtrack, der von einem völlig belanglosen Titelstück gekrönt wird, kann ich leider keine entschuldigenden Worte finden. Da sehne ich mich ja beinahe nach dem Kuschelrock Song von „Star Trek: Enterprise“.

 

 

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Spoiler Territory? Engage!

Spoiler!

Bringen wir es hinter uns, denn es fällt bereits in der ersten Szene auf. Ja, Data sieht wirklich sehr seltsam aus. Damit meine ich nicht einmal das Alter Brent Spiners, sondern vielmehr die seltsame CGI, mit der man seine Augen und die Haare bearbeitet hat. Aber gut, Schwamm drüber. Es ist immer schön, Data zu sehen, auch wenn es nur in Traumsequenzen ist. Damit dürfte ohnehin jeder gerechnet haben. Der Einstieg ist ansonsten aber wirklich gelungen. Wir sehen die Enterprise und Data, wie er mit Picard Poker spielt. Ereignisse aus den letzten zwanzig Jahren werden angedeutet und Fans horchen auf. Wurde da gerade etwas von „romulan supernova“ gesagt? Ja, wurde es. Ein Teil von Picards Verbitterung entstand durch die Weigerung der Föderation, den Romulanern zu helfen, als ihr Planet von einer Supernova vernichtet wurde. Der Supernova, die erst der Auslöser für die Existenz der sogenannten Kelvin-Timeline war! Ich hatte damit gerechnet, man würde die Abrams Filme einfach totschweigen, aber sie auf diese Weise einzubauen, finde ich sogar ziemlich clever. Ein anderer spannender Aspekt ist das Verbot synthetischen Lebens nach einem Terroranschlag auf dem Mars. Der rote Himmelskörper steht seitdem in Flammen. Und in dieser Welt trifft der zurückgezogen lebende Picard (der seinen Hund „Number One“ nennt) auf eine junge Frau, die ihn um Hilfe anfleht. Nach dem Trailer habe ich sie für den nächsten Wirtskörper einer Borg Queen gehalten, ihre wahre Herkunft finde ich aber tatsächlich spannender. Fans schnalzen mit der Zunge, als der Name John Maddox (aus der brillanten Folge „The Measure of a Man“) fällt. Das letzte Bild der Folge macht dann neugierig auf mehr. Wie ist es den Romulanern gelungen, einen Borg Kubus in die Finger zu bekommen und was haben sie damit vor? Mein Lieblingsszene ist übrigens das Interview mit Picard zu Beginn der Folge. Von unangenehmen Fragen über seine Vergangenheit in die Enge getrieben, bricht irgendwann doch die alte Autorität aus dem Admiral im Ruhestand hervor.

Fazit: Es tat gut, Jean-Luc wiederzusehen. Er ist nicht mehr der Alte, kann er auch gar nicht sein. Aber in seinem Herzen ist er immer noch der Captain, zu dem ich als kleiner Junge aufgeblickt habe.

2 Gedanken zu “Gedanken zu Star Trek: Picard 1×01 „Remembrance“

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