Die Überraschung: Ein Auszug aus meiner Kurzgeschichte „Heteronomie“

Wie schon in meinem letzten Text erwähnt, arbeite ich nun bei einem Verlag in Essen. Da mein Job auch Lektoratstätigkeiten beinhaltet, habe ich als Antwort auf meine Bewerbung eine zweiteilige Antwort bekommen. Eine war die Einladung zum Vorstellungsgespräch, die zweite war eine Aufgabe. Ich sollte eine Kurzgeschichte mit einer „Haunted House“ Thematik schreiben, an der mir gezeigt werden sollte, wie man sich ein Lektorat vorstellt. Das war für mich erstmal eine kleine Umstellung, da ich zwar öfters Texte schreibe, aber eben keine Geschichten. Ehrlich gesagt waren meine letzten Ausflüge in diese Richtung das Niederschreiben der Story von Secret of Evermore (SNES) und eine Street Fighter vs Mortal Kombat Geschichte und da war ich in der sechsten Klasse! Und bevor ihr fragt: NATÜRLICH habe ich mich nur auf die gekürzte MK Fassung von Teil 1 bezogen. Die bösen ungeschnittenen Teile habe ich damals selbstverständlich nicht gespielt, wo kämen wir denn da hin?!

Ich setzte mich also hin, jonglierte im Kopf mit einigen Ideen herum und hatte mich schließlich für eine Erzählstruktur und ein Setting entschieden. Falls sich jemand gleich deutlich an Stephen King erinnert fühlt, muss ich dem entschieden widersprechen. Es ist auch sehr viel von Lovecraft in dieser Geschichte zu finden!

Spaß beiseite: Das Schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich werde mich in der Zukunft sicher mal wieder an Kurzgeschichten oder gar mal eine Art Roman wagen. Feste Pläne gibt es diesbezüglich aber noch nicht, die Motivation ist aber vorhanden. „Heteronomie“ hat es nämlich in den Kreis von Kurzgeschichten in der „Ghost Stories Of Flesh And Blood“ Anthologie geschafft, deren Kindle Link ihr hier finden könnt. Eine Printversion kommt im November und sobald ich dazu einen Link habe, werde ich ihn in einem späteren Blogeintrag nachreichen. Bis dahin könnt ihr euch hier das erste Kapitel meiner Geschichte durchlesen, die übrigens zu verschiedenen Zeiten spielt. Ihr lest also quasi nur einen kleinen Teaser. Ja, ich bin ein Marketing-Genie.  Kommen wir also zur am Freitag angekündigten Überraschung.

 

Nachtrag 2019: Ich war nie so recht mit dem Lektorat zufrieden, da viele bewusst altertümlich gewählte Worte rausgeflogen sind. Vielleicht kommt hier irgendwann mal die Originalversion hin.

 

Marketing

Ja, nur für diesen Gag habe ich das geschrieben! (© 20th Century Fox)

 

 

Auszug aus Heteronomie – Eine Kurzgeschichte von Benjamin Verwold

 

Kapitel 1: Aufzeichnungen des Dr. Jacob Froboess 3 – 4

Kapitel 2: Mitschrift des Geständnisses von Niclaus Kuhn 5 – 7

Kapitel 3: Unveröffentlichter Bericht des Bruder Conrad 8 – 12

Aus den Aufzeichnungen des Dr. Jacob Froboess am 17. März 1349

„Abergläubisches Waschweibergeschwätz!“ So habe ich die Warnungen der simplen Gemüter genannt, die mich vor diesem Domizil warnten. Die einfachen Leute, Gott habe sie selig, brauchen einfache Erklärungen für Dinge, die sie nicht verstehen und verwirren. Ich hingegen bin ein Mann der Wissenschaft und akzeptiere keine Ausflüchte in den Aberglauben! Sind bisherige Bewohner dieses schönen, kleinen Anwesens verschwunden und, wenn überhaupt, mit deutlich veränderten Charakterzügen wieder aufgetaucht? Ja, schon bei meinem Einzug vor wenigen Monaten ließ sich das nicht leugnen. Zugegeben, es waren unterhaltsame Schauergeschichten, die mir seinerzeit zugetragen worden sind.

Da war die Rede von einem alten Soldaten, der unter Karl von Valois im Krieg von Saint-Sardos gekämpft und seine Vaterlandstreue mit dem Leben seiner drei Söhne bezahlt hatte. Die alte Vettel vom Wochenmarkt schwor mir im Namen des Herrn, dieser Mann wäre in der kurzen Zeit hier um Jahrzehnte gealtert. Er sei ergraut, und wäre unter dem Plappern wirrer Worte aufgebrochen, um „mit seinen Söhnen die Engländer aus Aquitanien zu vertreiben“. Ohne Zweifel wird die arme Seele aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse einen irreparablen Schaden an seiner Psyche davongetragen haben, aber diese Erklärung schmetterte die Alte sofort ab. Es sei dieses Haus. Mehr konnte ich ihr nicht entlocken und fortan verhielt sie sich mir gegenüber nur noch äußerst wortkarg. Gut, dachte ich mir, um Freunde zu finden, bin ich auch nicht in dieses kleine Nest gekommen.

Aber meine Neugier war geweckt, denn schon als kleiner Junge hatte ich nicht genug von den Gespenstersagen meines verehrten Großvaters bekommen können. Sollten mir die Bauern, die Handwerker und die Waschweiber doch die Abende mit ihren vergnüglichen Erzählungen versüßen und mich mit großen Augen beschwören, hier wieder zu verschwinden! Dies taten sie mitunter äußerst brüsk und ungehobelt, aber für mein Geld waren sie sich natürlich nie zu schade. Wie so häufig hörte dort die stets hastig vorgeschoben christliche Besorgnis um mein Wohlergehen auf und die Zungen wurden locker. Ich hörte von einer alten Jungfer, deren lotterhafter Lebenswandel sie ans Messer eines Mannes geführt hatte, der mehr an ihren Wertsachen als an ihrem Schlafgemach interessiert war. Einem Mädchen, das der Schwester die Puppe neidete und sie deshalb mit Mutters Nähnadel schwer und dauerhaft im Gesicht verletzte. Und natürlich von meinem Vormieter, der ein talentierter Dichter gewesen war oder sich zumindest für einen gehalten hatte. Ganz vernarrt in die alten Sagen aus dem Süden sei er gewesen, wusste der Wirt zu berichten. Sein Leben habe ein besonders tragisches Ende gefunden, da er sich vom Dach dieses Hauses stürzte und zu allem Überfluss im Brunnen des Vorgartens landete. Seine Bücher sind damals in meinen Besitz übergegangen, anscheinend betritt nicht mal der Grundbesitzer dieses Anwesen öfter, als es nötig ist. Wenn ich bedenke, wie abgegriffen das Buch über die griechische Mythologie ist, hat sich der arme Tor womöglich für eine Reinkarnation des Ikarus selbst gehalten. Nur gab es für ihn nicht einmal einen Dädalus, der seinen Tod betrauerte.

Ich will aber betonen, dass ich keines dieser Vorkommnisse einer übernatürlichen Quelle zuschreibe. Wir leben in dunklen Zeiten, und schwache Gemüter zerbrechen daran! Europa steht vor einer Zerreißprobe, der Konflikt der Engländer und der Franzosen könnte uns in den Abgrund reißen. Ich hoffe und bete, dass dem nicht so ist. Ja richtig, ich bete. Keinesfalls leugne ich die Existenz Gottes, ich bin vielmehr vollkommen davon überzeugt, vor allem seit ich hier in dieser Abgeschiedenheit meinen Forschungen nachgehen kann. Wissenschaft und Glaube sind keine Widersprüche, dem Geschwätz des Pöbels zum Trotz! Wer wenn nicht Gott gab mir diese erstaunlichen Fähigkeiten? Durch sie und seine Gnade werde ich Großes vollbringen und in die Geschichte eingehen. Zuerst schreckte ich vor meinen sich stets vergrößernden Talenten zurück, aber seit der Herr im Schlaf zu mir sprach, ist mir alles klar geworden. War es überhaupt im Schlaf? Gewährt er mir gar die Gnade einer Kommunikation im Wachsein? Es ist einerlei, ebenso wie die Blicke des einfachen Volkes dort draußen. Alles folgt einem Plan, und wenn ich dafür in einem ausgemergelten Zustand leben soll, dann soll sein Wille geschehen.

Sie, werter Leser, der Sie dieses Schriftstück gefunden haben und bald der Nachwelt zur Verfügung stellen, dürfen nun Zeuge werden, wie Dr. Jacob Froboess seinen ersten Schritt zum Bestehen von Gottes größter Prüfung geht. Im letzten Jahr hörte ich die ersten Berichte von einer furchtbaren Seuche, die in Italien ganze Dörfer entvölkerte. Mittlerweile wütet sie in Frankreich und steht auch vor unseren Toren. Die Ärzte verzweifeln, der Klerus betet und der Adel verschanzt sich in seinen Schlössern. Auch ich gelangte an den Rand meiner Fähigkeiten, aber inzwischen weiß ich, was ich zu tun habe. Denn Gott selbst sprach zu mir!

Ich werde heute Abend die nahe Grenze überqueren und einen der sogenannten Pestfriedhöfe oder gar eines der Dörfer aufsuchen. Dies sollte kein Problem darstellen, die Kontrollen sind nahezu nicht mehr existent, und ein wenig Geld öffnet zur Not alle Türen. Ich werde den schwarzen Tod zu mir holen und ihn endlich besiegen! Mein Mitgefühl gilt den armen Tölpeln in diesem Ort, die ich mit dem Erreger anstecken muss. Aber nur so werde ich meine Arbeit abschließen können. Gottes Wille geschehe!

Dr. Jabob Froboess, 17. März 1349

 

12 Gedanken zu “Die Überraschung: Ein Auszug aus meiner Kurzgeschichte „Heteronomie“

      1. Die Länge an und für sich ist nicht sas Problem…aber ich lese nicht gern so viele Zeilen einer Geschichte, wenn ich bereits weiß, dass ich sie dann nicht zu Ende lesen kann…deswegen wart ich lieber gleich auf die vollständige Version😉! Ist so ein Tick von mir…ich mag es auch nicht, wenn Trailer aus den ersten paar Minuten eines Films bestehen, wie es früher manchmal der Fall war.

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      2. Übrigens, hab ganz vergessen dir zu gratulieren, nicht nur wegen des neuen Jobs, sondern auch weil es deine Geschichte bis zur Veröffentlichung gebracht hat…echt eine tolle Leistung 👍😊

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  1. Gratuliere ebenfalls ! Freue mich auch wiedermal was von dir zu lesen.
    Gute Titelwahl, da du dich in der Gestaltung des Textes ja auch an von außen vorgegebene Normen orientieren musstest, die dem Stil des Genres und der gewählten Epoche entsprechen.
    Bin gespannt wie es weiter geht.

    Gefällt 1 Person

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