Die fast ausgestorbene Kunstform des Musikvideos

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30. März 2018 von TheGunslinger82

In der heutigen Zeit sind Musikvideos im Prinzip überflüssig geworden. Plattenfirmen und Künstlern stehen durch das Internet effektivere und vor allem billigere Mittel zur Verfügung eine potentielle Käuferschaft zu erreichen. Aber es gab da mal Zeiten, in denen ein gut gemachter Clip DAS Gesprächsthema werden und den Musikern wirklich helfen konnte. Damit will ich nicht sagen, dass es sowas heute nicht mehr gibt – dazu fehlt mir schlicht und ergreifend das Interesse an der aktuellen Popkultur abseits „meiner“ Musik. Aber alleine das Stöbern in diversen „Best Of“ Listen hat mich in der Annahme bestätigt, dass die großen Zeiten des Musikvideos hinter uns liegen. Grund genug, sie sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Was nun folgt ist keine Topliste und auch nicht zwingend meine liebsten Songs der jeweiligen Interpreten (mit Madonna kann ich z.B. kaum etwas anfangen). Es sind einfach auf ihre Art sehenswerte Clips, die das Musikfernsehen prägten… oder im Falle von Immortal dringend hätten prägen sollen! Ich wünsche euch viel Spaß und wenn ihr die natürlich mitgelieferten Links anklickt: bloß nicht am Veröffentlichungstag dieses Textes dazu tanzen, es ist immerhin Karfreitag! Spaß beiseite: Ich wünsche euch frohe Feiertage!

Michael Jackson – Thriller

Erschienen auf „Thriller“ (1982)

Der Titeltrack des kommerziell erfolgreichsten Albums aller Zeiten hat natürlich auch ein denkwürdiges Video! Welches Kind der 80er fürchtete sich damals nicht vor dem Werwolf oder den Zombies? Der Tanz und Jacksons gelbe Augen am Schluss (untermalt vom diabolischen Lachen von Vincent Price) sind Legende. Und wenn man das recht lange Vorgeplänkel mitzählt, ist „Thriller“ schon mehr Kurzfilm als Musikvideo. Deshalb sticht es auch nochmal aus der an Highlights nicht gerade armen Auswahl von Jackos brillianten Clips heraus.

Weitere Anspieltipps: „Remember The Time“, „Ghosts“, „Smooth Criminal“

Genesis – Jesus He Knows Me

Erschienen auf „We Can’t Dance“ (1991)

In einem vor Satire triefenden Clip nahmen Genesis 1991 die gerade in den USA allgegenwärtigen TV Prediger und ihre Doppelmoral aufs Korn. Das gelang ihnen dank des unfassbar eingängigen Liedes so perfekt, dass viele es tatsächlich bis heute hinbekommen den Sarkasmus zu übersehen. Das sind dann sicher auch die Leute, die auf Kirchentagen John Lennons „Imagine“ anstimmen oder den vierten Juli mit Springsteens „Born In The USA“ feiern.

Weitere Anspieltipps: „Land Of Confusion“, „No Son Of Mine“, „I Can’t Dance“

Tom Petty And The Heartbreakers – Into The Great Wide Open

Erschienen auf „Into The Great Wide Open“ (1991)

Tom Petty war ein Geschichtenerzähler, ein Meister im Verfassen von greifbaren Texten. In diesem Video zu seinem vielleicht besten Song taucht er gleich in mehreren Rollen auf und erzählt uns die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Rockstars Eddie, gespielt von Johnny Depp. Das tun er und die Heartbreakers allerdings im Stil eines Märchenbuchs, was erstaunlich gut zur vorgetragenen Geschichte passt. Danke, Tom Petty, du warst auch ein Guter!

Weitere Anspieltipps: „Free Fallin’“, „Learning To Fly“

Korn – Freak On A Leash

Erschienen auf „Follow The Leader“ (1998)

Das Video mit der Kugel! Es ist eine simple Idee, aber die sind ja oft die Besten. Wir folgen einer Pistolenkugel, die auf ihrem Weg diverse Dinge wie Telefone, Milchflaschen oder Fensterscheiben durchschlägt und nachher auf demselben Weg wieder zurückkehrt. Am Ende wurde es eines DER einprägsamen Videos der späten 90er.

Twisted Sister – We’re Not Gonna Take It

Erschienen auf „Stay Hungry“ (1984)

Für ihren wohl größten Ohrwurm gönnten sich Twisted Sister ein herrliches Slapstick Video, was leidgeplagten Jugendlichen mit Rockmusik hassenden Eltern wahrer Balsam gewesen sein muss. Dreh- und Angelpunkt dieses Videos ist der herrlich übertrieben spielende Mark Metcalf als Vater, der später auch noch im Video zu „I Wanna Rock“ auftauchen sollte. Diesmal zwar als Lehrer, aber die Aussage bleibt dieselbe: Rock ist eben doch das Beste auf der Welt!

Weitere Anspieltipps: „I Wanna Rock“

Madonna – Like A Prayer

Erschienen auf „Like A Prayer“ (1989)

Kontroversen hat die Dame ja schon immer gerne ausgelöst. Doch sogar noch vor ihren sexuell angehauchten „Skandalen“ hat sich Madonna mit diesem Video einiges getraut. Der Song ist eine gefällige 80er Jahre Popnummer, auf dem Bildschirm bot „Like A Prayer“ wesentlich mehr Zündstoff. Schwarze Heiligenfiguren, brennende Kreuze, ein zu Unrecht verurteilter dunkelhäutiger Mann und ein Kuss von eben diesem mit einer weißen Frau – damit würde man wohl auch heute noch bei einigen ewig Gestrigen akute Schnappatmung auslösen. Und das Madonnas Träger ständig herunterrutschen, wird wohl auch kein Zufall gewesen sein, aber das nur am Rande.

Guns n‘ Roses – November Rain

Erschienen auf „Use Your Illusion I“ (1991)

Mit einem gut neun Minuten langen Werk veredelten Axl und Co. seinerzeit einen ihrer besten Songs. Guns n‘ Roses konnten es sich leisten, waren sie 1991 doch ganz oben auf dem Rock Olymp angekommen. Eine Kirche, eine Oper, eine Hochzeitsgesellschaft, ein Orchester, ein Chor, ein Stage Dive durch eine Hochzeitstorte und Slash der, mehrfach aus der Totalen aufgenommen, auf einem weiten Feld ein großartiges Solo spielt – hier ist alles drin.

Nirvana – Smells Like Teen Spirit

Erschienen auf „Nevermind“ (1991)

Der Sound einer Generation! Ob man sie mag oder nicht, Nirvana schlugen wie eine Bombe in die Musikszene ein und etablierten Grunge als Lebensgefühl, visuell perfekt eingefangen in diesen gut viereinhalb Minuten. Anarchie, halblanges Haar, Holzfällerhemden, schmuddeliger Look, ein Mittelfinger ans Establishment – das „Smells Like Teen Spirit“ zu einem der größten Hits aller Zeiten werden sollte ist gleichermaßen folgerichtig wie ironisch.

Weitere Anspieltipps: „In Bloom“

The Cure – Lullaby

Erschienen auf „Disintegration“ (1989)

Es ist schon irgendwie eklig, oder? Die Vorstellung von einer gigantischen Spinne gefressen zu werden?! The Cure zeigen in diesem schaurig-schönen Clip eigentlich nie etwas explizit schlimmes, kreieren aber eine wunderbare Grufti Atmosphäre, die wohl kaum eine andere Band je so gut hinbekommen hat.

Weitere Anspieltipps: „Just Like Heaven“

Motörhead – Killed By Death

Erschienen auf „No Remorse“ (1984)

Wenn eure Tochter mit Lemmy ausgehen will, lasst sie um Himmels Willen gehen! Ansonsten kommt er nämlich direkt mit dem Motorrad durch eure Wohnzimmerwand gedonnert, greift sich die Dame und brettert mit ihr los in die Nacht. Und glaubt ja nicht, der Tod würde ihn aufhalten. Auch aus dem Grab kommt er mit seinem Höllenofen hervor und macht einfach weiter. Worauf wir übrigens nun schon wieder seit über zwei Jahren warten, Mr. Kilmister! Es wird Zeit!!

Weitere Anspieltipps: „Sacrifice“, „Heroes“, „Hellraiser“

Peter Gabriel – Digging In The Dirt

Erschienen auf „Us“ (1992)

Musikalisch wie visuell war der ehemalige Genesis Frontmann schon immer ein Künstler. Ein neues Video von ihm ist bis heute sehenswert, seine Hochzeit hatte er aber sicherlich von Ende der 80er bis Anfang der 90er. In „Digging In The Dirt“ begeistern abermals die tollen Stop-Motion Effekte und die surrealen Bilder, aber Gabriel lässt mit diesem Video unerwartet tief blicken. Wenn man bedenkt, dass er zu dieser Zeit eine schwere Scheidung hinter sich hatte, in Therapie war und sich von seiner Tochter entfremdet hatte, bekommt „Digging In The Dirt“ eine ganz neue Ebene.

Weitere Anspieltipps: „Sledgehammer“, „Big Time“, „Solsbury Hill“

ZZ Top – Gimme All Your Lovin‘

Erschienen auf „Eliminator“ (1983)

Über dieses und andere Videos dieser Band wurde mal gesagt: „A male fantasy come to life…“. Und dem kann man wohl kaum widersprechen. Die Autos, die hübschen Frauen, die Rockstarposen und natürlich die Bärte – ZZ Top wissen genau um ihr Image und haben es mit ihrem Hitalbum „Eliminator“ und Videos wie diesen bis in alle Ewigkeiten zementiert. Wer würde schließlich nicht gerne an der coolsten Tankstelle der Welt anhalten?

Weitere Anspieltipps: „Sharp Dressed Man“

Immortal – Blashyrk (Mighty Ravendark)

Erschienen auf „Battles In The North“ (1995)

Im Jahre 1995 geschah es, dass zwei unter dem Banner Immortal firmierende Black Metaller sich ihren Kumpel Hellhammer, einige Helfer, ihre Instrumente und einige Kisten Bier schnappten und einen Berg in Norwegen bestiegen. Oben angekommen lag zwar weniger Schnee als erwartet, ein sympathisch-thrashiges Video für die Ewigkeit ist aber dennoch dabei herausgekommen. Bei der Gelegenheit nahm man auch gleich noch einen Clip für „Grim And Frostbitten Kingdoms“ auf, an das herrliche Gepose und den Kultfaktor von „Blashyrk…“ kam man damit aber nicht ran.

Queen – The Show Must Go On

Erschienen auf „Innuendo“ (1991)

„Das ist doch nur ein Zusammenschnitt aus anderen Videos!“ Nein, das ist ein Tribut an den wahrscheinlich besten Sänger, der uns je mit seiner Anwesenheit in unseren Sphären beglückt hat. Es ist eine Erinnerung daran, was für eine schillernde Persönlichkeit Farrokh Bulsara gewesen ist. Danke das wir erbärmlichen Sterblichen uns zumindest kurz in deinem Glanz sonnen durften, Freddie. Jeder Mensch mit Ohren wird dich niemals vergessen!

Weitere Anspieltipps: „Who Wants To Live Forever“, „Breakthru“, „Princes Of The Universe“

Metallica – One

Erschienen auf „…And Justice For All“ (1988)

Metallica haben in ihrer langen Karriere etliche Videos aufgenommen, von denen die meisten von Aufwand und Ausstattung her ihren ersten Clip „One“ sicherlich mit Leichtigkeit übertrumpfen. Die Musiker selber waren skeptisch, dass ihre Musik mit Ton aus einem Film „überdeckt“ werden sollte und Hetfield wurde gar von einem Fan angespuckt, weil sie sich einem scheinbaren kommerziellen Zwang unterwarfen und nun auch auf Airplay bei MTV aus zu sein schienen.

Der Karriere von Metallica hat es bekannterweise nicht geschadet, aber ob dieses Video über den Horror des Krieges wirklich so gut bei der Haarspray verseuchten Jugend der 80er ankam darf bezweifelt werden. Im Endeffekt ist das Experiment aber als geglückt zu bezeichnen, denn die Kombination der harten Musik, des düsteren Texts und den verstörenden Ausschnitten aus dem Film „Johnny Got His Gun“ bleibt im Kopf.

Weitere Anspieltipps: „The Unforgiven“, „The Unforgiven II“, „Halo On Fire“

Meat Loaf – Rock’n Roll Dreams Come Through

Erschienen auf „Bat Out Of Hell II: Back To Hell“ (1993)

Meat Loaf selber taucht im Video zu seiner Version des Jim Steinmann Hits immer wieder als Wahrsager auf, der verschiedenen Menschen hilft. Eine davon ist die damals 17 Jahre alte Angelina Jolie, die ein von zu Hause weggelaufenes Mädchen spielt. Meat Loaf typisch besticht der Clip durch exzellente Kameraführung und Sets, auf auch heute noch so mancher Filmemacher neidisch wäre.

Weitere Anspieltipps: „I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)“, „I’d Lie For You (And That’s The Truth)“

Die Ärzte – Schrei nach Liebe

Erschienen auf „Die Bestie in Menschengestalt“ (1993)

Vor fast 26 Jahren meldeten sich Die Ärzte nach 5 Jahren Bandsplit endlich zurück und machten, wie immer, keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Spaßmacher sind sie, ja. Dem Pop auch öfter näher als dem Punk, ja. Aber sie sind großartige Texter und klüge Köpfe, von denen man mehr gebrauchen könnte. Für ihr Comeback wählten sie mit „Schrei nach Liebe“ ein deutliches Statement gegen Rechts und krönten es mit einem zünftigen „ARSCHLOCH!“. Das Video positioniert sich ebenso deutlich, gönnt uns darüber hinaus aber auch noch eine alte Dame, die in Slo-Mo eine Gitarre zerkloppt! Geht es noch besser?

Weitere Anspieltipps: „Schunder-Song“, „Bitte Bitte“, „Rock’n Roll Übermensch“

a-Ha – Take On Me

Erschienen auf „Hunting High And Low“ (1985)

Eine zeitlose Geschichte (Mädchen trifft Junge), präsentiert in einem einzigartigen Stil (Rotoskopie gemischt mit Realsequenzen), untermalt von einem der besten Popsongs aller Zeiten. Nicht wenige bezeichnen „Take On Me“ als ihr absolutes Lieblingsvideo und das ist auch vollkommen verständlich. Mehr 80er geht eigentlich nicht und dennoch ist es absolut zeitlos!

Weitere Anspieltipps: „The Sun Always Shines On TV“, „Crying In The Rain“, „Hunting High and Low“

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