Ein persönlicher Rückblick – Regen in Münster

Als nach dem Regen 2014 wieder ein wenig Ruhe einkehrte, habe ich diesen Text geschrieben. Ich wollte ihn aber nur ungern in den Untiefen von Facebook „verstauben“ lassen und lade ihn deshalb auch hier nochmal hoch. Die Bilder stammen übrigens von hier, von mir selbst oder es ist ein Screenshot aus der „Lokalzeit“ des WDR. Nachfolgend nun also alles, was ich seinerzeit geschrieben habe (mit ein, zwei Ergänzungen). Und mit ein wenig Stolz sage ich: Es ist vermutlich mit das Beste, was ich bisher geschrieben habe. (Nachtrag 2019: Mittlerweile nicht mehr, aber ich bin immer noch sehr stolz darauf.)

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„Welche Dimensionen das Unwetter am 28. Juli 2014 hatte, kann man Außenstehenden schwer begreiflich machen. Zahlen wie 292 Liter Regen pro Quadratmeter in 7 Stunden klingen hoch, wirken aber vielleicht nur als das, was sie im Prinzip auch sind: eine Statistik. Selbst mir, der ja durchaus zentral in Münster wohnt, wurden die ungeheuren Schäden erst im Nachhinein bewusst.

Als das Unwetter begann, war ich gerade auf dem Weg nach Hause. Clever wie ich war, dachte ich mir: „Das ist so warm heute, gehe ich doch mal zu Fuß zum Sport.“ Nun ja, wie ich nach dem Weg durch den Wienburgpark aussah, kann man sich denken. Glücklicherweise war das auch der einzige „Schaden“, den ich persönlich an diesem Tag erlitten habe. Und mal ehrlich, kann man etwas gegen warmen Sommerregen haben? Die ersten Stunden waren für mich vielmehr ein großer Spaß und selbst, als ich um 23 Uhr nochmal einkaufen ging und dabei durch knöcheltiefe Pfützen waten musste, habe ich nicht darüber nachgedacht, was für Folgen dieser Dauerregen haben könnte. Und ich muss zugeben: Das obligatorische „Mensch, was bin ich nass geworden! – Selfie“ musste natürlich auch geschossen werden. Wir sind eben doch nur Sklaven unserer Zeit. Deswegen finde ich die vereinzelten negativen Reaktionen auf den „Luftmatrazen-Mann“ äußerst überzogen. Ich habe leider deinen Namen vergessen, aber ich unterstelle dir mal, dass du dich damit nicht über etwaige Opfer lustig machen wolltest, sondern einfach nur die Gunst der Stunde genutzt hast. Aber es ist das Internet und wir leben in einer Kultur des Meckerns und Nörgelns.

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Ich schlafe normalerweise recht wenig, weswegen ich auch an diesem Tag noch relativ lange wach war. Von Katrin Balder, die ja später in der Leitstelle tätig wurde, erfuhr ich dann mit welcher Wucht Münster da eigentlich getroffen wurde. Vollgelaufene Keller, Blitzeinschläge, umstürzende Bäume, Verletzungen und bedauerlicherweise auch Todesopfer. Um ca. 2 Uhr erreichte mich bei Facebook die erste Nachricht von der komplett unter Wasser stehenden Kellerwohnung einer Freundin. Und kurz darauf die Nächste. Und noch eine. Dazu bekam man es hier am Friesenring natürlich jedes Mal mit, wenn die Feuerwehr ausrückte. Um 3 Uhr war auch ich unterwegs, um Freunden zu helfen. Viel ausrichten konnten wir allerdings nicht, da die Keller mittlerweile aufgrund der Gefahr eines Stromschlags gesperrt wurden.

Am nächsten Morgen stieß ich dann auf die allseits bekannte „Regen in Münster“ Gruppe, über die ich wohl nicht mehr viel erzählen muss. Eine lobenswerte Initiative, die aus der Not heraus geboren wurde und sehr schnell Erstaunliches leisten konnte. Und so ganz nebenbei auch mal gezeigt hat, dass man soziale Netzwerke auch für andere Dinge nutzen kann, als sich entweder selbst darzustellen oder andere Leute anzugiften. Aber ich schweife ab!

In den ersten Tagen war ich mehr oder weniger „privat“ unterwegs. Man musste nur ein wenig die Augen aufmachen und schon konnte man sich nützlich machen. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft sah es kaum anders aus, als vor dem Unwetter. In der nahegelegenen Kanalstraße türmt sich bis heute der Sperrmüll. Was ich (genauso wie alle anderen Helfer auch) in diesen Tagen erlebt habe, werde ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen. Verzweifelte Menschen, die wirklich alles verloren haben ebenso wie Frohnaturen, die sich nicht unterkriegen lassen. Welche Reaktion ist die „richtige“? Ich fände es vermessen, darüber zu urteilen. Jeder steckt in seiner ganz persönlichen Situation. Dennoch einen ganz besonderen Gruß an das ältere Ehepaar (auf Namen werde ich verzichten), dessen Keller völlig hinüber war, die aber stets mit trockenem Humor zu begeistern wussten. Mein persönliches Highlight: „Er“ will ständig auch bei den schwersten Sachen mit anpacken, was „sie“ dazu veranlasste „ihm“ mit einem kernigen „Sowas kriegst du doch seit 20 Jahren nicht mehr hochgehoben!“ in die Parade zu fahren. Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass er sein Feierabendbier nachher meisterhaft gestemmt hat.

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Nach 3 Tagen in „privater Mission“ war ich dann schließlich doch im Auftrag der Leitstelle unterwegs. Hier im Zentrum sah/ sieht es ja schon schlimm aus, aber Kinderhaus war da nochmal eine ganz andere Dimension (ich war bspw. nicht in Coerde, weswegen mir der Vergleich fehlt). Im Einsatz an der „alten Schanze“ sah ich den ersten Keller, der bis unter die Decke (!) vollgelaufen war. Ich sah aber auch die beispielhafte Solidarität, mit der ich gelegentlich recht zynischer Mensch nicht unbedingt gerechnet hatte. „Regen in Münster“ (mit seinen Untergruppen) hatte zwar viele Mitglieder, aber sich bei Facebook anmelden und dann wirklich auftauchen sind ja bekanntlich zwei Paar Schuhe. Aber wir standen uns ja fast schon auf den Füßen und haben dieses Monster von Keller tatsächlich leer bekommen. Leute, das war ganz groß.

Leider musste ich zwischendurch immer wieder meinem Knie Tribut zollen, was sich nach mehreren Tagen Dauereinsatz immer wieder mal beschwerte. Aber egal, es gab ja auch Sondierungsaufträge zu erledigen und meinen Vater galt es auch noch zu besuchen, der am Tag nach dem Unwetter Geburtstag hatte. Bei meinen Eltern in Bentheim war übrigens sehr schönes Wetter. Was ich damit sagen will: Jeder hat so geholfen wie er konnte und ich bin sehr dankbar dafür, dass Schwanzvergleiche nach dem Motto „Wer hat wie vielen Menschen geholfen?“ ausgeblieben sind.

Nein, es wurde an einem Strang gezogen, koordiniert von der „Leistelle“, die mittlerweile das Aushängeschild und der Ansprechpartner von „Regen in Münster“ wurde. Und das verdammt nochmal mit Recht. Keiner von denen wollte mit Wucht in die Medien kommen, sie haben sich als Privatpersonen (!) zusammengetan und sich den Arsch aufgerissen, um uns Helfer zu koordinieren. Wie gut das mittlerweile klappte, wurde mir bei einem besonders hartem Fall bewusst, bei dem es nicht nur um materielle Zerstörung, sondern auch um soziale und persönliche Probleme ging. Aus Respekt vor den Betroffenen werde ich aber darauf nicht weiter eingehen.

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Warum schreibe ich diesen Text eigentlich? Hauptsächlich weil ich einfach gerne schreibe und ein wenig von dem festhalten wollte, was seit dem 28.7. 2014 hier in Münster passiert ist. Ich habe mir fast jeden Abend ein paar Notizen gemacht und sie nun einigermaßen sinnvoll zusammengefasst. Das erschien mir als Dankeschön an alle angebrachter als der übliche Facebook Einzeiler. Diese Zeit hat die Menschen von ihrer positivsten Seite gezeigt und lobende Worte verdient….

…. dachte ich bis vor wenigen Tagen. Es ist mittlerweile der 11.8. 2014 und wir sind aus dem Allergröbsten raus (ohne die schlimmen persönlichen Schicksale vieler schmälern zu wollen). Herr Lewe hat einen sehr freundlichen Text in die „Regen in Münster“ Gruppe gepostet und die AWM leistet wirklich Unmenschliches. Klingt nach einem passenden Zeitpunkt, die ganze Sache anständig zu einem guten Ende zu bringen, oder? Selbstverständlich, aber nun kriechen sie aus ihren Löchern: Nörgler, Meckerer und die üblichen Internet Trolle. Ich werde sowieso falsch verstanden, aber es hat NIEMAND etwas gegen angebrachte Kritik. Aber was in den letzten Tagen in der „RiM“ Gruppe abgeht, ist nicht mehr feierlich. Die Kultur des Meckerns und des Nörgelns schlägt wieder zu. Und soviele der, nennen wie sie mal „Probleme“ könnten so einfach gelöst werden.

„Die Admins löschen meine Beiträge in der Hauptgruppe?! Boah ey, voll Zensur und so!!!!einself!“
Das könnte daran liegen, dass die Hauptgruppe lange Zeit NUR für Hilfsgesuche gedacht war und es für alles andere Gruppen wie „Regen in Münster – Ohren für Helfer“, „RiM – Spenden“ und „RiM – Sonstiges“ gibt. Was man übrigens ganz leicht herausfinden kann, wenn man die GRUPPENBESCHREIBUNG LIEST!

„Die Leitstelle kriegt was zu essen, macht sich einen faulen Tag und ich habe hier nichts.“
Ja, ich hab gehört, die Schweine haben sich mit den Leitstellen-Millionen auch schon in die Karibik abgesetzt. Spaß beiseite, denn wer nicht versteht, was die da geleistet haben, der wird es auch nicht zig Erklärungen nicht in den verbohrten Schädel reinbekommen. Dennoch sei mir ein kleiner Denkanstoß erlaubt: Freund(in) der Sonne, wir waren freiwillige Helfer und man kann sich zur Not auch selber was mitbringen. Zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Leitstelle wirklich viel getan hat, um uns zu versorgen.

„Die Leitstelle spielt sich auf und will den Ruhm abgreifen.“
Willkommen in der wirklichen Welt. Die Medien werden sich immer zuerst an den offensichtlichen Ansprechpartner wenden. Das hat nichts mit „Ruhm abgreifen“ zu tun. Aber man fühlt sich eben immer gut, wenn man gegen die „da oben“ stänkern kann.

Aber was soll ich mich weiter aufregen? Die Menschen sind eben so, vor allem in der „Herde“. Ich für meinen Teil bin froh und verdammt nochmal auch ein wenig stolz, dabei gewesen zu sein. „

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Wenn ich auf das letzte Bearbeitungsdatum der Textdatei schaue, ist obiger Text nun ziemlich genau 24 Monate alt. Seitdem wurden berechtigte Ehrungen der Stadt Münster verteilt, es gab Feiern in wiederhergestellten Häusern der Betroffenen, Katrin und der Rest der Leitstelle grinsten einen monatelang von Litfaßsäulen aus an und ich war mal im Fernsehen. Und ja, ich war wirklich sehr stark geschminkt! Es war dennoch eine sehr interessante Erfahrung und auch im Nachhinein nochmal ein Dankeschön an das Team der „Lokalzeit“ und besonders an Hendrik Schulte für die Heimfahrt nach der Sendung.

jjprtmad

 

2 Gedanken zu “Ein persönlicher Rückblick – Regen in Münster

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